Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern) hat in einer der DIG Würzburg vorliegenden Kurzexpertise die Liedtexte der Künstlerin Sorah eingeordnet und damit die zuvor von zahlreichen zivilgesellschaftlichen Stimmen geäusserten Bedenken im Kern bestätigt.

Wer ist RIAS Bayern?

RIAS Bayern ist Teil eines bundesweiten zivilgesellschaftlichen Dokumentations- und Meldesystems für antisemitische Vorfälle. Die Stelle arbeitet mit standardisierten Verfahren zur Erfassung, Verifizierung und Kategorisierung antisemitischer Vorfälle. Aufgrund ihrer methodischen Standards und langjährigen Dokumentationspraxis gilt RIAS in Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft als fachlich anerkannte Referenzstelle im Bereich der Antisemitismusbeobachtung. Grundlage der Bewertung von RIAS ist unter anderem die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), die international zur Einordnung auch moderner Erscheinungsformen des Antisemitismus herangezogen wird. Die IHRA-Arbeitsdefinition wurde sowohl vom Freistaat Bayern (2019) als auch von der Stadt Bamberg (2023) offiziell angenommen und bildet einen anerkannten Orientierungsrahmen für die Bekämpfung von Antisemitismus.

Wie bewertet RIAS die Songtexte von Sorah?

RIAS kommt zu dem Schluss, dass zentrale Aussagen des Liedes „Palestine will be free“ nach Maßgabe der IHRA-Arbeitsdefinition als israelbezogener Antisemitismus zu bewerten sind. Besonders hervorgehoben wird u. a. die Gleichsetzung des Zionismus mit der Terrormiliz IS („Fuck Zionists and fuck ISIS too”) sowie die daraus abgeleitete Delegitimierung jüdischer Selbstbestimmung. Wörtlich heißt es etwa, dass dadurch „das Recht des jüdischen Volkes auf nationale Selbstbestimmung bestritten“ werde und dies ein „zentrales Element des israelbezogenen Antisemitismus“ darstelle.

Warum ist das keine legitime Kritik an israelischer Politik?

Auch die im Song erhobenen Vorwürfe von „Kolonisation“ (“No compassion for a nation built on colonization […] There can be no peace between exploiter and exploited, colonizer and colonized, oppressor and oppressed without an end to the colonial regime”) und „Apartheid“ (It’s just an attempt at silencing those speaking up against colonisation, apartheid and decades of oppression”) werden im Gesamtkontext der Liedaussagen von RIAS als Teil eines übergeordneten Deutungsrahmens bewertet, der Israel als Ganzes antisemitisch delegitimiert und dämonisiert.

Auch wenn einzelne Formulierungen isoliert betrachtet unterschiedlich interpretierbar sein können, ergibt sich nach Einschätzung der Expert:innen im Gesamtzusammenhang ein eindeutiges Muster der Delegitimierung. Dabei verweist RIAS auf zentrale Kriterien der IHRA-Arbeitsdefinition, insbesondere die Aberkennung des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung sowie die Einstufung Israels als „rassistisches Unterfangen“ als Beispiele für israelbezogenen Antisemitismus.

Und was ist mit dem Song „Outrage“?

Bezüglich zweier religiös aufgeladener Metaphern, die sowohl im Song „Palestine will be free“ („No God I know would allow this, Do you pray to the God of love or the power n‘ violence?”) als auch im Song „Outrage“ („Hier brennt es auf der Erde, man hat sogar Lucifer neidisch gemacht“) zu finden sind, wird von den Experten angemerkt, dass die Aussagen zwar antisemitisch gedeutet werden können, jedoch die Schwelle einer eindeutigen Einstufung nach IHRA nicht überschreiten.

Was bedeutet das für das Festival und die Kulturszene?

Die Expertise bestätigt die Einschätzungen der DIG und zahlreicher weiterer Stimmen aus der Zivilgesellschaft, dass eine Einladung bzw. ein Auftritt im Rahmen des „Kontakt – Das Kulturfestival“ mit dessen eigenen Leitlinien bzw. Code of Conduct nicht vereinbar gewesen wäre. Vor diesem Hintergrund war die erfolgte Absage dringend geboten.

Einfluss extremistischer Gruppen offenlegen

Angesichts öffentlich diskutierter Hinweise auf politische Verflechtungen im organisatorischen Umfeld des Festivals, insbesondere zwischen Akteuren aus dem Umfeld der SDAJ, der Kommunistischen Partei (KP) sowie „Bamberg for Palestine“, ist eine transparente Aufarbeitung erforderlich. Dies wirft Fragen nach einem möglichen Einfluss auf die Programmauswahl und organisatorische Entscheidungen des Festivals auf.

Zusätzliche Brisanz erhält dieser Umstand dadurch, dass neben Sorah zeitweise auch die „Students for Palestine Würzburg“ Teil des Festivalprogramms waren – eine Gruppierung, die zur Vernichtung des jüdischen Staats aufruft und das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 als „heldenhaften Widerstand“ glorifiziert.

Transparente Aufarbeitung nötig

Die Vorgänge machen erneut deutlich, wie wichtig eine Auseinandersetzung mit israelbezogenem Antisemitismus im Kulturbereich ist. Wir erwarten daher weiterhin eine umfassende und transparente Aufarbeitung durch die Veranstalterseite, einschließlich der strukturellen und organisatorischen Hintergründe der Entscheidungen. Dazu gehört aus unserer Sicht auch die Einbindung externer Fach- und Beratungsstellen gegen Antisemitismus sowie die Entwicklung klarer Verfahren, um antisemitische Positionen und problematische Kooperationen künftig frühzeitig zu erkennen und auszuschließen.

Erfahrung teilen: Antisemitismus entgegentreten

RIAS nimmt Meldungen über antisemitische Vorfälle auf und unterstützt Betroffene von Antisemitismus in Bayern:
www.report-antisemitism.de